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Zeitung << 2/2003 << Das Jiddische


Das Jiddische
Autorin: Andor Hajdú

„gut tak im betage se wer dis machasor in beß ha’kneßeß trage!”
Ein guter Tag sei dem beschieden, der diesen Machsor in die Synagoge trage.

Dieses Zitat stammt aus dem ältesten uns bekannten jiddischen Sprachdokument, dem Wormser Machsor aus dem Jahr 1272/73, wo innerhalb eines hebräischen Textes dieser jiddische Segensspruch eingefügt ist. Die Ursprünge dieser Sprache sind nicht eindeutig zu klären. Sicherlich hängen sie mit der Niederlassung der Juden in Deutschland zusammen.

Ein jüdischer Wissenschaftler, Salomo Birnbaum, sagte: ”Die Entstehung des Jiddischen wurzelt also in der kultur-schöpferischen Kraft der jüdischen Religion. Sie war grundsätzlich gegeben, als die Juden als Gruppe das Deutsche übernahmen. Das Alter der Sprache ist dem gemäß mit fast einem Jahrtausend anzusetzen. In dem Übergang von der Ur- zur Altjiddischen Periode machte sie die Entwicklung vom Mittel- zum Früh-Neuhochdeutschen mit, gestaltete sich aber immer selbständiger aus.” Das Jiddische, von den Juden „Mame-Loschn“ genannt, ist also eine selbständige Sprache. Es gehört der indoeuropäischen Sprachfamilie an. Es besteht aus einem überwiegend deutschen Wortschatz, aber die Morphologie und die Syntax der Sprache ähneln eher dem Hebräischen. Jiddisch war nicht nur eine 'empfangende', also aufnehmende Sprache, sondern sie übte auch gewisse Einflüsse auf andere Sprachen wie Deutsch oder Polnisch aus. Beispielsweise kommt das Wort „Schmiere“ in der Wendung „Schmiere stehen“ aus dem hebräischen ‚sim’rah’ (Wache). Die Redewendung „Hals und Beinbruch“ stammt aus dem hebräischen Glückwunsch: ‚hazlachá’ (Glück) und ‚b’racha’ (Segen).

Jiddische Schrift
Jiddisch wird mit dem hebräischen Alphabet geschrieben, also von rechts nach links und besitzt 22 Buchstaben. Altjiddisch und Mitteljiddisch waren in ihrer Orthographie anfangs nur phonetisch, d.h. man schrieb nach Gehör. Die Texte waren daher nicht einheitlich geschrieben. Zwar wurde bereits seit dem 17. Jahrhundert begonnen, verschiedene Wörterbücher zu drucken, aber die eigentliche Bestimmung der Rechtschreibung erfolgte erst Ende des 19. Jahrhunderts.

Jiddische Literatur
Für die bemerkenswerte jiddische Literatur bilden Izchak Lejb Perez (1851-1915), Scholem-Alejchem (1859-1916) und Mendele Mojcher Sforim das „Dreigestirn der jiddischen Klassik“. Mit ihren Theaterstücken, Romanen und Erzählungen erlangten sie auch außerhalb des Judentums Weltruhm. Eine spätere Autorengeneration bilden S. An-Ski, eigentlich Salomon S. Rappoport (1863-1920), David Pinski (1872-1959), Abraham Reisen (1876-1953), Perez Hirschbein (1880-1948) und Scholem Asch (1880-1957). Sie sind ebenfalls international bekannt geworden.

Jiddisch heute
Bis zum zweiten Weltkrieg war Jiddisch eine Weltsprache, die von 12 Millionen Menschen benutzt wurde. Diesen Stellenwert kann und wird das Jiddische nie wieder erreichen. Da man die Lehrer der Sprache, vor allem die „Mamme’s un Tates”, die ja diese Sprache mit Liebe an ihre Kinder weitergaben, ermordete, ist die Zahl der Kenner dieser Sprache drastisch gesunken. Heutzutage wird es fast nur in Israel gesprochen, wo es neben dem Hybrit als Amtssprache gilt. Anderswo kann man sie – auch nur selten – an den Universitäten lernen. Das Jiddische hat einen großen Dienst geleistet bei der Bewahrung der jüdischen Kultur und Identität. Die jiddische Literatur und das jiddische Theater haben außerdem bedeutend zur Weltkultur beigetragen.

Internet: www.jiddisch.org