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Zeitung << 1/2005 << Das Wunder von Bern


Das Wunder von Bern
Wunder in Bern, Albtraum in Budapest

Autorin: Annamária Széll

„Schäfer nach innen geflankt, abgewehrt, aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Rahn schießt. Tooor. Toor. Tor für Deutschland!” – der „György Szepesi” der Deutschen, Sportreporter Herbert Zimmermann ruft am 4. Juli 1954 im Kommentar vom WM-Finale diesen Satz. Es war der Wendepunkt des Spiels: 2:3 für Deutschland. Die erste Halbzeit endete noch 2:0 für Ungarn.

Diese Heldentat der deutschen Nationalelf wurde von Sönke Wortmann verfilmt. Oder? Zwei Stränge laufen parallel. Der eine geht um Fußball, der andere schildert durch die Figur der elfjährigen Matthias Lubanski (Louis Klamroth) die Geschichte Deutschlands in der Nachkriegszeit. Dieser Essener Junge ist großer Fan von Rot-Weiß Essen und von Helmut Rahn, dem Wunderstürmer. Er ist der Taschenträger von dem „Boss” (Rahn). Ohne ihn kann er die schwersten Kämpfe nicht gewinnen. Matthias ist ein so genanntes „Haus-ohne-Hüter­-Kind”. Sein Vater ist immer noch in russischer Gefangenschaft. Er hat einen älteren Bruder und eine ältere Schwester. Helmut Rahn ist für ihn eine Art Vaterfigur. 1954 kehrt der echte Vater, Richard Lubanski (Peter Lohmeyer, er ist auch in der Wirklichkeit der Vater von Louis Klamroth) zurück und macht das Familienleben zur Hölle. Er ist herrisch, zu streng und will alles verändern. Er kann sich nicht integrieren und benimmt sich wie ein Fremder. Einmal schlägt der Vater sogar seinen Sohn, weil er nicht für seine Familie, sondern für Helmut Rahn eine Kerze in der Kirche anzündet. Er sagt seinem Sohn: „Ein deutscher Junge weint nicht.”. Am Ende stellt sich heraus, dass auch ein deutscher Junge weinen darf.
Die deutsche Nationalelf ist schon in der Schweiz und spielt ganz gut. Nur die Ungarn können sie (8:3) in der Vorrunde besiegen. Nach dieser großen Niederlage wollten alle den Kopf von Sepp Herberger, des Nationaltrainers. Zwei Wochen später sieht alles ganz anders aus. Der berühmte Satz von Herberger: „Der Ball ist rund” (die Chancen sind gleich) ist im Film auch zu hören. Ganz Deutschland wird vom Fußball begeistert, die Mannschaft ist im Finale. Mit den Erfolgen der Nationalelf läuft der Versöhnungsprozess zwischen Vater und Sohn parallel. Vater Lubanski erkennt wieder seine Liebe zum Fußball und durch diese Liebe werden die Barrieren zwischen ihm und Matthias abgebaut. Der größere Sohn ist Kommunist, kann den Vater nicht leiden und geht in die DDR, aber auch dort sieht er das Finale im Fernsehen.
Am Tag des Fußballspiels des Jahrhunderts (für die Deutschen; für die Ungarn ist es das 6:3 gegen England) machen sich Vater und Sohn auf dem Weg nach Bern. Ohne Matthias kann Rahn und die Mannschaft nicht siegen. Ansonsten glaubt fast niemand an den Sieg gegen die seit drei Jahren unbesiegten Ungarn. Ein Deutscher sagt ganz pessimistisch während des Spiels in der Kneipe: „Wir werden verlieren, so wie wir den Krieg auch verloren haben.” Die Deutschen haben aber einen technischen Vorteil. Adi Dassler (ADIDAS) rüstet die Fußballer mit speziellen Schuhen, die Schraubstollen in der Sohle haben, aus. Herberger behauptet: „Wenn es regnen wird, werden wir Weltmeister.” Und es regnete. Nachdem Rahn Matthias im Stadion erblickt hatte, schoss er das Siegestor. Die Legende ist geboren. Die Fußballspieler werden zu Vätern von allen Kindern der vaterlosen Generation, und der Sieg bedeutete die Wiedergeburt des Landes nach der Niederlage von 1945. Der Sieg gab den Deutschen einen großen Auftrieb. Ein Jahr später begann das Wirtschaftswunder.
Was geschieht auf der anderen Seite? In Budapest brachen Unruhen aus. Die Menschen konnten die Niederlage nicht akzeptieren und verfluchten Puskás und Gusztáv Sebes (den Nationaltrainer). Die ganze Nation war enttäuscht und verbittert. Viele Historiker behaupten, dass diese Niederlage zum Ausbruch der Revolution von 1956 beitrug. Die Ungarn haben diese Niederlage immer noch nicht aufgearbeitet und die Geschichte wiederholt sich. Denken wir nur an die Handball-Nationalmannschaft der Frauen. Immer in den letzten Minuten kommt das Drama, wenn wir auf dem besten Weg sind, zu siegen. Dieser Albtraum hatte also, meiner Meinung nach, eine negative tiefenpsychologische Bedeutung für Ungarn, die auch noch heute wirkt. Die Frage ist: Wer möchte überhaupt in Ungarn den Jubel und die Verklärung der Deutschen und unsere Niederlage im Rahmen eines Filmes sehen? Der Film selbst ist allerdings bezaubernd. Er vermittelt so tiefe Gefühle, dass ich als Ungarin wegen der Niederlage nicht enttäuscht sein kann. In Deutschland hatte der Film 3,5 Millionen Zuschauer. Bundeskanzler Gerhard Schröder, er war auch ein „Haus-ohne-Hüter-Kind”, beweinte den Film.
„Aus. Aus. Das Spiel ist aus. Deutschland ist Weltmeister!”

04.07.1954, Bern, Stadion Wankdorf
65 000 Zuschauer, Schiedsrichter: Ling (England)
WM-Finale: Ungarn: BRD
Ungarn: Grosics, Buzánszky, Lóránt, Lantos,Bozsik II., Zakariás, Czibor, Kocsis, Hidegkuti, Puskás, Tóth. Nationaltrainer: Gusztáv Sebes
BRD: Turek, Posipal, Liebrich, Kohlmeyer, Eckel, Mai, Rahn, Morlock, O.Walter, Schäfer. Nationaltrainer: Sepp Herberger
Torschützer: Puskás (7.), Czibor (9.), Morlock (11.), Rahn (19.), Rahn (84.)