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Zeitung << 2/2007 << Maszk, Thealter und Bipolar


Maszk, Thealter und Bipolar
Ein deutsch-ungarisches Theaterprojekt in Szeged

Autorin: Réka Bányai

Die Stadt Szeged hat ein reiches Theaterleben – auch wenn nicht alle ihre Arten allgemein bekannt sind. Neben dem Nationaltheater und den Freilichtspielen, die die offizielle und meist bekannte Art der Theaterkunst verkörpern, gibt es in Szeged noch eine lebendige alternative Strömung.

Wenn man in der Hajnóczystraße in Szeged einen Spaziergang macht, so trifft man auf zwei merkwürdige Gebäude, die die Stimmung der naheliegenden Straßen beherrschen: die zwei Synagogen. Die neuere, die die schöne hohe Kuppel hat, wird auch heute noch von der jüdischen Glaubengemeinschaft der Stadt benutzt. Die ältere aber, die kleinere weiße, existiert nicht mehr als Kirche: sie heißt seit ungefähr 15 Jahren Alterra – Zentrum für zeitgenössische Kunst (Alterra – Kortárs Elõadómûvészeti Központ) der Stadt Szeged.
Mit dem Namen Alterra lassen sich mehrere Strömungen verbinden: MASZK und THEALTER sind im Kreise der zu dieser Gattung neigenden Zuschauer keine sinnlosen Buchstabenreihen. Der Name MASZK ist eine Verkürzung und steht für „Kreis von alternativen Theatern in Ungarn” (Magyar Alternatív Színházak Köre). Es ist ein Kulturverein, der alternative Theaterbewegungen unterstützt und der seit seiner Gründung in Szeged als nationales Zentrum dieser Gattung gilt. THEALTER ist ein jährlich regelmäßiges, 2007 schon zum 17. Mal veranstaltetes Szegeder Theaterfestival, an dem sich viele alternative Künstlergruppen aus anderen Städten Ungarns und auch aus anderen Ländern der Öffentlichkeit vorstellen können. Szeged wird dadurch ein „Sammelzentrum” der ostmitteleuropäischen, balkanischen und osteuropäischen Theaterkultur. Von der Vojvodina bis zu Russland und Polen haben sich schon Künstler aller Art hier in Szeged vorgestellt.
2006/2007 wurde das BIPOLAR-Projekt in Deutschland mit dem Zweck ins Leben gerufen, die künstlerische Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Ungarn zu fördern und zu pflegen. Im Rahmen dieses Projekts konnten sich die Szegediner Theaterliebhaber Mitte Juli 2007 am Thealter-Festival eine dramatische Trilogie anschauen, die von einem ungarischen und einem deutschen Ensemble vorgeführt wurde – in zwei Sprachen, aus zwei Kulturen gekommen, von zwei geschichtlichen Situationen geprägt.


Gespräch mit dem Vorsitzenden des MASZK-Vereins

Über die Organisation, die Arbeit und die Geschichte des Vereins habe ich mich mit József Balog, dem Vorsitzenden des MASZK-Vereins in dem Szegeder Puppentheater nach seiner Aufführung unterhalten, da er neben der Führung des Vereins auch als selbstständiger Schauspieler tätig ist.

Heute Abend hat das Publikum hier im Puppentheater von eurem Ensemble Die Ente von Scheffer sehen können. Sowohl das Stück als auch der Ort klingen interessant.
Das Stück halte ich für sehr interessant. Der polnische Schriftsteller hat in dieser Hinsicht eine Beziehung zum Theater und zur Musik zur selben Zeit. Aufgrund der Geräusche und der Sprache hat er in der Musik das Theater erblickt und auch umgekehrt. Im Puppentheater spielen wir sonst immer wieder, aber nicht wirklich oft. Wir mieten den Raum manchmal, und unsere Stücke sind ja auch keine Kinderaufführungen.

Du bist der Vorsitzende des MASZK-Vereins. Seit wann existiert er eigentlich?
Der Verein wurde 1991 von Studierenden der Szegeder Universität gegründet – teilweise mit dem Ziel, die Theatertätigkeit, die sie bislang führten, von der Bühne zu einer Art Management hinüberzuführen, eine Art Wissenschaft daraus zu machen, sich mit Theatertheorie und –Geschichte zu beschäftigen, Ausländer einzuladen und ins Ausland zu fahren. Es war schon damals eine ziemlich komplexe Tätigkeit, und im Laufe der Jahre hat sich daraus ein Festival gestaltet.

Das Thealter-Festival war nicht von euch initiiert, ist jetzt aber mit dem Namen MASZK verbunden. Seit wann veranstaltet ihr das Festival?
Die beiden entstanden parallel 1991. Das erste Jahr waren sie noch getrennt, obwohl die Mehrheit der Grundmitglieder des MA­SZK-Vereins als technische Hilfe schon an dem ersten Festival aktiv mitgearbeitet hat, jedoch bei der Organisation noch nicht. Das wurde damals noch von der Stadtverwaltung gemacht. Von den 17 Jahren haben wir aber dann in den letzten 16 Jahren schon selbständig die Veranstaltungen organisiert. Damals dachten wir noch nicht, dass es sich so lange fortsetzen wird. Wir hoffen, dass es noch eine Weile auch so bleibt.

Ihr habt seit 1991 regelmäßige und intensive Kontakte zu ausländischen Gruppen. Das BIPOLAR-Projekt war aber eine einmalige Zusammenarbeit.
Im Sommer 2004 nahm der Direktor des Berliner Theaters ACUD an unserem Festival als Zuschauer teil und er wurde durch die Aufführung 0,1 mg von András Urbáns Gruppe, einem ungarischen Regisseur aus der Vojvodina, aufmerksam. Seine Aussage – „Ich möchte einmal mit ihnen eine gemeinsame Produktion machen” – gewann damals noch keine Aufmerksamkeit, erst dann, als sie sich im Sommer 2006 wieder bei uns meldeten und uns um die gemeinsame Arbeit baten. Wir haben uns gemeinsam beworben und im Sommer 2006 gelangten wir unter den mehr als 160 Bewerbungen unter die ersten 29 und wurden positiv bewertet. BIPOLAR ist ein Programm einer Kulturstiftung von der Bundesrepublik Deutschland (Kulturstiftung des Bundes), die das Ziel hat, in den unterschiedlichen Jahren deutsche Kulturprojekte zu veranstalten: 2005/2006 war das Jahr der polnischen Verbindung, 2006/2007 der ungarischen, und 2007/2008 kommt die tschechische Kultur an die Reihe. Im Rahmen des ganzen Programmes haben wir die Ausführung dreier Stücke gezeigt. Das erste Stück handelte von zwei ungarischen Philosophen, István Eörsi und György Lukács – das Stück wurde von der Berliner Gruppe vorgeführt. Für das zweite Stück, welches auf den Bukower Elegien und dem Gedankenkreis Bertolt Brechts beruht, bekam das Ensemble von András Urbán den Auftrag. Das dritte Stück – Die Verabredung – war eine Art Synthese. In diesem sollte es um ein Gespräch zwischen Bertolt Brecht und György Lukács gehen. Die Grundidee stammte hauptsächlich von den deutschen Partnerregisseuren, Felix Goldmann und Paul Baiersdorf, und wir haben uns völlig an ihre Ideen angepasst. Das Projekt unterstützt übrigens nicht nur das Kunstmedium Theater, sondern auch Literatur, Dramenpädagogik, bildende Kunst, Musik, kulturgeschichtliche Veranstaltungen und öffentliche Bildung.

Wie viele Aufführungen gab es?
Alle drei Stücke wurden in Berlin und in Szeged vorgeführt. András Urbán behält das Stück weiterhin in seinem Repertoire in Subotica bzw. in der Synagoge im Herbst. Und es gab auch noch Zusatzaufführungen. In Berlin lief Die Verabredung noch sechs- oder siebenmal danach. Im Sommer war es dann in Szeged, zum Festival und zur Uraufführung. In unserem Fall wurde auch Serbien mit einbezogen. Die Gruppe von András Urbán kommt ja aus Subotica. Wir als Ungarn haben dabei zwischen zwei anderen Ländern vermittelt. Es war eine sinnvolle Erfahrung.




Gespräch mit dem Regisseur der ungarischen Gruppe des Projekts

Ein Teil des Projekts lief – als Teil der Trilogie – in der Szegeder Synagoge im Herbst 2007 weiter. Nach der Aufführung Brecht – The Hardcore Machine habe ich András Urbán, dem Regisseur der ungarischen Gruppe, einige Fragen zur Arbeit an den drei Stücken gestellt.

Sie spielen öfter hier in Szeged. Seit wann haben Sie Kontakt mit dem MASZK-Verein?
1992 war das erste Jahr, aber ununterbrochen spielen wir hier seit 2002. Seit diesem Jahr haben wir mit der Urbán-András-Ensemble in Szeged jährlich eine Premiere. Das ebenfalls von mir geleitete Kosztolányi-Dezsõ-Theater in Subotica wirkt auch mit. Die vier Schauspieler des Ensembles sind auch Mitglieder im Theater. Wir sind hier außer des Festivals im Sommer auch im Frühling und im Herbst präsent mit unterschiedlichen Aufführungen. Bei der deutschen Trilogie war der Verein eigentlich nur als Produzent und Übermittler tätig.

Im Rahmen des Projektes haben Sie drei thematisch zusammenhängende Stücke aufgeführt. Inwiefern lassen sich die drei Teile der Trilogie voneinander trennen? Wie war die Arbeit während der Proben?
Die drei Stücke sind tatsächlich voneinander trennbar, wie sich auch die Arbeit damals trennen ließ, und sie werden auch nicht mehr gemeinsam gespielt. Die Proben fanden sowohl in Subotica als auch in Berlin statt. Wir hatten aber auch eine fünftägige „Studienreise” nach Berlin gemacht. Die Uraufführung des zweiten Stückes fand auch in Berlin statt. Interessant war, dass wir gleich nach der Berliner Premiere noch zwei Vorführungen in Berlin hatten, aber nicht an den gleichen Spielstätten. Einer dieser war das Caffe Sybille, welches deswegen eigenartig war, weil es an der damaligen Stalin-Alle platziert ist, wo die grundgebenden geschichtlichen Geschehnisse der Arbeiterrevolution im Jahre 1953 passierten und als Kulissen die heutigen und damaligen Gebäude dienten. Die andere Spielstätte war eine ehemalige Fabrikanlage. Es war wirklich sehr interessant.

Gab es Unterschiede in der Rezeption an den unterschiedlichen Aufführungsorten?
Es war für mich interessanter in Berlin vor unterschiedlichen Kulissen zu spielen, und dabei noch die Tatsache, dass die Wirkung doch zu fruchten schien – trotz der Merkwürdigkeit, dass wir in Berlin auf Ungarisch spielten; das ist ja doch nicht so gewöhnlich. In Subotica hatte das Stück einen großen Erfolg. Über die Aufführung in Szeged kamen mir unterschiedliche Meinungen zu Ohren, obwohl das Publikum mich hier auch kennt.

Haben Sie eine andere Beziehung zu diesem Stück als zu Ihren anderen Stücken wegen dieser kooperativen Art?
Nein, höchstens in der Inspiration gab es eine andere Art von Motivation, aber das Stück selbst gehört doch ebenso zu mir, wie meine anderen Stücke. Es war auch wichtig, dass es sich nicht so stark an die Sprache bindet, weil es auch vom fremdsprachigen Publikum gesehen wird. Man muss es auch ohne Sprachkenntnisse verstehen können.

Ihr Theater arbeitet im Allgemeinen ziemlich wortkarg – und ist deswegen auch nicht unbedingt leicht zu verstehen.
Ja, es ist aber doch nicht ganz so. Meiner Meinung nach liegt Verständnis nicht immer in Worten, sondern auch in globalen Äußerungen, die auch ohne das Wissen der Bedeutung der Wörter zu verstehen sind. Das Wort selbst ist natürlich wichtig, aber nicht unbedingt das wichtigste Mittel zur Übermittlung gedanklicher Nachrichten. Mein Theater erzählt nicht auf der klassisch-dramatischen Art und Weise, und Theater ist eine sehr lebendige Form der Kunst, die auch mit den anderen Kunstrichtungen Kontakt halten muss. Ich erlebe das Theater als einen solchen Akt, in dem diese unterschiedlichen Kunstrichtungen sich treffen – und das gelingt in Taten hauptsächlich, nicht in Worten.

Wie lange ist Ihr Brecht-Stück in Szeged noch zu sehen? Was können wir kommende Saison, im Frühling von Ihnen erwarten?
Im Herbst gab es noch in der Synagoge Brecht-Aufführungen, hoffentlich auch noch im Frühling 2008. In Subotica läuft das Stück bestimmt weiter. Daneben bleibt noch Urbi et Orbi im Repertoire, und wir haben noch weitere Pläne. Einerseits sind wir für Improvisation – deswegen ist eigentlich alles ziemlich frei, andererseits haben wir auch noch an den fertigen Stücken zu arbeiten, wie es auch mit den meisten Stücken im Allgemeinen der Fall ist.