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Zeitung << 2/2009 << Aus der Vergangenheit, von der Gegenwart, für die Zukunft


Aus der Vergangenheit, von der Gegenwart, für die Zukunft
Das Reichstagsgebäude in Berlin

Autorin: Enikõ Enzsöl

Die Entdeckung, dass unter den Programmpunkten des 4. Ungarisch-Deutschen Journalismusworkshops im November 2009 auch eine Führung im Deutschen Bundestag zu finden war, löste bei mir volle Begeisterung aus. Als Germanistikstudentin aus Ungarn interessierte ich mich besonders dafür, ob die Deutschen eher positive oder negative Einstellung zu ihrem Parlamentsgebäude vertreten. Um eine Antwort zu bekommen, führte ich mit meinen zwei Kolleginnen Interviews in der HU-Cafeteria, aber die geäußerten Meinungen standen miteinander gar nicht im Einklang. Neben der Verehrung der Kuppel wurden auch schärfere Töne angeschlagen. Wegen der Dissonanz fiel mir also die Aufgabe zu, mir über den Bundestag ein eigenes „Urteil“ zu bilden.

Vor dem Parlament stehend hatte ich den Eindruck, dass trotz der gemischten alten und modernen Architektur das Bauwerk eine unteilbare Einheit bildet. Die Umgestaltung des Reichstagsgebäudes zum Sitz des Bundestages wurde vom Wunsch: „im historischen Mantel ein modernes Parlament“ bestimmt, und dieser Plan wurde verwirklicht.
Mir begegnete die erste Überraschung vor dem Eintritt des Gebäudes. An der Nordostecke des Reichstagsgebäudes erinnert eine Gedenktafel an die Öffnung der ungarischen Grenze am 10. September 1989, mit den Worten: „Ein Zeichen der Freundschaft zwischen dem ungarischen und deutschen Volke für ein vereintes Deutschland, für ein unabhängiges Ungarn, für ein demokratisches Europa.“ Keiner von den Ungarn kann nach dem Lesen dieser Gedenktafel, die kurz nach der Einheit und vor dem Umbau installiert wurde, den Bundestag unparteiisch beurteilen.
Die Erinnerung an die Geschichte setzte sich auch im Innern des Parlaments fort. Die Geschichte des Bauwerks und der deutschen Regierung erschien präsent, Arm in Arm mit den modernen Baustoffen des Hightech-Stils.
Im Untergeschoss besichtigte unsere Gruppe das „Archiv der deutschen Abgeordneten“, einen Gang aus übereinander gestapelten Metallkästen, die mit den Namen der von 1919 bis 1999 demokratisch gewählten Abgeordneten beschriftet sind. Eine einzelne schwarze Box deutet auf die Jahre 1933 bis 1945 hin, in denen das deutsche Volk kein demokratisch legitimiertes Parlament hatte. Die mit einem schwarzen Streifen gekennzeichneten Kästen gehören den Abgeordneten, die Opfer des Nationalsozialismus waren.
Ein Raum auf der Plenarsaalebene wurde als Gedenkstätte für die von 1933 bis 1945 verfolgten, verfremdeten und ermordeten Mitglieder des Reichstages der Weimarer Republik gestaltet. Das am Kopfende hängende, fünfteilige, Assoziationen erweckende Fotogemälde übte eine hypnotisierende Wirkung auf uns aus.
Als Spur der Geschichte des Zweiten Weltkrieges sind Namenszüge oder Botschaften der siegenden sowjetischen Soldaten, die das Gebäude am 2. Mai 1945 erobert hatten, an den Wänden sichtbar. Nach meiner Ansicht wurde durch die Aufbewahrung dieser Graffiti der deutschen Geschichte der gehörige Respekt erwiesen.
Nach dem Rundgang erreichten wir das Herz des Bundestags, den Plenarsaal. Von der Besuchertribüne warfen wir einen Blick auf das Zentrum der parlamentarischen Demokratie. Zum Schluss blieb nichts anders übrig, als die große Attraktion, die Glaskuppel. Vom Kuppelfuß aus konnten wir in den Plenarsaal hinuntersehen, von der Aussichtsplattform und der Dachterrasse bot sich das herrliche Panorama Berlins dar.
Über der Stadt, in deren Herz stehend, dachte ich daran, dass unabhängig von der einzelnen Einstellung zum Reichstagsgebäude es alle Deutsche einmal besichtigen müssen. Sogar, wenn durch die äußere Gestaltung des Baus ihr Beifall nicht erregt wurde, ist die künstlerische Aussage „die Mühe“ wert.