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Zeitung << 2/2010 << Der Deutsche Buchpreis 2010


Der Deutsche Buchpreis 2010
Eine ungarische Autorin aus Serbien gewinnt

Autorin: Dorottya Toldi

Der Deutsche Buchpreis, der 2005 zum ersten Mal vergeben wurde, ist eine der größten literarischen Anerkennungen in Europa. Der Preis wird für den besten deutschsprachigen Roman des Jahres vergeben. Der Autor oder die Autorin bekommt nicht nur eine große Summe, sondern auch viele Möglichkeiten, seinen bzw. ihren Roman einem großen Publikum bekanntzumachen, in verschiedenen literarischen Runden vorzustellen, und das Werk wird dann in viele Sprachen übersetzt.

Die Jury will immer eine bunte und vom inhaltlichen Aspekt her weitblickende Liste. Zuerst wählen sie aus den angemeldeten Romanen die ersten 20, diese Bücher nennt man „Longlist“, das heißt „Große Liste“. Ein paar Wochen später betitelt sie die besten sechs Romane, die auf einer so genannten „Kleine Liste“ oder „Shortlist“ stehen. 2010 wurden 148 Bücher angemeldet, und seit dem 8. September kannten wir die sechs Favoriten. Der Name der Autorin, die den Deutschen Buchpreis 2010 gewonnen hat, wurde auf der Frankfurter Buchmesse am 4. Oktober veröffentlicht. Es ist Melinda Nadj Abonji

Melinda Nadj Abonji
Melinda Nadj Abonji ist eine ungarische Autorin aus der Vojvodina, die jetzt um Zürich lebt. Sie ist in einer Kleinstadt, in Becse (Voivodina) 1968 geboren, aber sie ist mit ihrer Familie als Kind nach Zürich umgezogen. Sie hat die Schule in der Schweiz besucht, dann hat sie an der Universität Geschichte und Deutsche Literatur studiert. Die neue Umgebung war nicht immer schöner und bequemer. Schwierigkeiten haben sich aus den kulturellen Differenzen, aus der Eingliederung ergeben, aber heute ist sie eine anerkannte Autorin, die an der Pädagogischen Hochschule Zürich lehrt.
Melinda Nadj Abonji ist nicht nur belletristische Autorin, sie spielt auch Geige und singt. Sie war in Ungarn erstmals als Vortragskünstlerin und hat 2006 ihre CD, auf der sie selbst singt und Geige spielt vorgestellt.
Ihr erster Roman, der sich mit den Integrationsschwierigkeiten beschäftigt, ist 2004 erschienen (Im Schaufenster im Frühling, Ammann Verlag). 2010 hat der Salzburger Jung und Jung Verlag ihren zweiten Roman (Tauben fliegen auf) publiziert. Dieser Roman schildert ebenfalls die Probleme der Integration aus der Sicht eines Mädchens. Ildikó, die Hauptperson des Romans, wohnt mit ihrer Schwester, Noémi, bei der Großmutter in der Vojvodina. Sie leben ein ganz gewöhnliches, aber nicht langweiliges Leben in einem kleinen Dorf, in einer Umgebung, wo der politische Zerfall des Landes schon fühlbar ist. Dann kommt Onkel Móric, und das Leben der Mädchen wird umgekehrt. Sie fahren zusammen in die Schweiz, nach Zürich, wo die Eltern arbeiten. Der Roman zeigt die Erfahrungen der Geschwister zunächst in einem kleinen Dorf, später in der Großstadt Zürich. Ildikós Fragen bewegen sich um die Themen: Heimat, Zugehörigkeit, Sprache, wie auch die frühere Frage der Autorin.
Melinda Nadj Abonji sagte, dass sie selbst mit zwanzig, als Kind von zwei Gastarbeitern nach dem schweizerischen Modell zu leben und sich in die neue Gesellschaft zu integrieren versuchte. Aber später ist sie darauf gekommen, dass sie eine Doppelidentität hat, und die beiden Identitäten gleich wichtig sind. Im Roman hat die Autorin auch persönliche Erinnerungen verarbeitet, aber diese Methode war nicht immer leicht. Sie ist nach langer Zeit erst im Jahr 2005 wieder nach Serbien gefahren.

Lesung von Nadj Abonji im Goethe Institut Budapest
Am 9. September 2010 hat Melinda Nadj Abonji eine Lesung im Goethe Institut Budapest gehalten. Einen Tag früher hat sie erfahren, dass ihr Roman auf der Liste der sechs besten deutschsprachigen Bücher 2010 steht. Die Atmosphäre der Lesung war sehr angenehm und freundlich. Die Autorin hat das Publikum auf Ungarisch begrüßt, und später hat sie auch ein bisschen auf Ungarisch gesprochen, aber eine Dolmetscherin hat ihr dabei geholfen. Während der Lesung hat Melinda Nadj Abonji über ihr Leben, ihre ersten Schwierigkeiten im neuen Land, dann über ihre ersten Erfolge, ihre Werke, ihre Pläne gesprochen. Interkulturelle Differenzen, persönliche Erfahrungen sind zur Sprache gekommen. Dann hat sie aus ihrem Roman wichtige und interessante Abschnitte vorgelesen. Sie hat über ihre zusammenhängenden Gedanken und Motivationen erzählt. Die Autorin hat mit dem Publikum geteilt, wie sie die Leitidee des Romans bekommen hat, nachdem sie das erste Kapitel geschrieben hatte, wie lange sie auf einen weiteren Geistesblitz warten musste. Die Arbeit, das heißt das Schreiben, die Korrektur des Romans hat etwa sechs Jahre gedauert.
Am 4. Oktober 2010 wurde Melinda Nadj Abonji auf einem der größten Kulturereignisse Deutschlands, bei der Frankfurter Buchmesse, der Deutsche Buchpreis verliehen. Der Jung und Jung Verlag sucht Kontakte zu ausländischen Verlagen, und sie beginnen den Entwurf der Übersetzung. Wir hoffen, dass wir den Roman bald auch auf Ungarisch lesen können.