
|
Zeitung << 1/2011 << Gibt es dort Kartoffeln?
Gibt es dort Kartoffeln?
Porträt über Ulla Doden, Erasmus-Studentin aus Göttingen
Autor: Szabolcs Nuszpl
„Gibt es dort Kartoffeln?“ Das waren die ersten Worte von Ullas Großmutter, als sie ihr sagte, dass sie für ein halbes Jahr nach Ungarn kommt, um hier zu studieren. Ulla kommt aus Südbrookmerland, einer kleinen Gemeinde in Ostfriesland, neben Marienhafen, wo übrigens der berühmteste deutsche Pirat, Klaus Störtebeker der Legende nach geheiratet hat (siehe den Beitrag im vorliegenden Heft, Seite 61).
Ulla wollte nach dem Abitur Grundschullehrerin werden, aber es gab keinen Studienplatz im Grundschullehramt. Sie wollte die Zeit nicht nutzlos verbringen, so ging sie in eine Fabrik arbeiten, um auch ein bisschen Geld zu verdienen. Nach einem Jahr begann sie ihr Gymnasiallehramt-Studium an der Universität Münster mit den Fächern Germanistik und Philosophie. Ich fragte sofort, warum genau diese beiden. Sie habe nie einen guten Deutschlehrer gehabt, so wolle sie beweisen, dass Deutsch auch gut unterrichtet werden könne, antwortete sie.
Die Philosophie sei sehr wichtig bei der Bildung eines Menschen und mit ihrer Hilfe könne man das Leben und die Welt aus ganz verschiedenen Perspektiven betrachten. Um mir das ein bisschen näher zu bringen, erzählte mir Ulla ihr Lieblingsbeispiel: ein großes Dilemma der Philosophie. Man fährt einen Zug und hat die Möglichkeit, geradeaus weiterzufahren oder sich nach rechts zu wenden. Wenn man weiterfährt, überfährt man zehn Menschen, wenn man sich nach rechts wendet, überfährt man „nur“ einen. Die große Frage der Moral. Und man muss wählen, es gibt keine Bremsen. Über solche und ähnliche Fragen denkt Ulla gerne nach. Sie schrieb auch ihre BA-Diplomarbeit über ein philosophisches Thema, nämlich über ihren Lieblingsphilosophen, Nietzsche und den Nihilismus. Und langsam muss sie ihre MA-Diplomarbeit an der Universität Göttingen anfangen zu schreiben.
Mit Erasmus in Szeged
Aber noch vor dem Abschluss ihres Studiums wollte sie ein bisschen in einem anderen Land Europas studieren und kam mit Erasmus nach Ungarn. Die meisten Ungarn, wenn sie einem Erasmus-Studenten begegnen, wundern sich und werden total neugierig, warum jemand in Ungarn studieren will. Ich war auch neugierig und fragte Ulla, warum sie eben unser Land gewählt hat. Sie war sehr ehrlich und sagte, dass es reiner Zufall war. Sie hat in Göttingen unter vier Ländern wählen können: Italien, Finnland, Rumänien und Ungarn. Nach Italien fährt man auf Urlaub, meinte sie. Am liebsten wäre sie nach Finnland gefahren, aber es war zu teuer für sie und ihre Eltern. So sind die zwei ost- bzw. südosteuropäischen Länder geblieben, von denen Ulla letztendlich das nördliche gewählt hat.
Ulla bereut ihre Wahl nicht. Sie mag Ungarn und Szeged sehr, sie findet die Menschen hier sehr nett und freundlich. Das Leben ist hier für sie wie ein Traum, sie geht gern zur Uni und macht gerne ihre Aufgaben, was zu Hause meistens nicht typisch sei. Sie wundert sich, wie unbeschwert hier das Leben ist. Man ist so ruhig und hilfsbereit. Sie hat schon einige ungarische Freunde und lernte auch viele von den anderen Erasmus-Studenten kennen, mit denen sie zum Beispiel das Weinfest besuchte, das ihr übrigens sehr gut gefiel. Die ungarische Küche mag sie auch und hat kein Problem damit, dass sie viel fettiger ist als die deutsche. Das einzige, was sie manchmal schon stört, ist, dass hier alles paniert wird.
Mit der Sprache kann sie auch ganz gut umgehen, sie hat schon vor ihrer Reise nach Ungarn im Oktober angefangen, Ungarisch zu lernen, und sie kann sich Essen und Trinken weitgehend selbst bestellen und auf ganz niedrigem Niveau small-Talk führen.
Studium in Szeged
Eine gute Note in Ungarn zu kriegen ist viel leichter als in Deutschland, meint Ulla. Hier sind die Dozenten nicht so streng wie an der Uni Münster oder Göttingen, und die Klausuren sind auch einfacher. Ich erinnerte sie, dass man nicht vergessen darf, dass hier Deutsch im Wesentlichen als Fremdsprache unterrichtet wird, denn nur sehr wenige Germanistikstudenten in Szeged können sagen, dass Deutsch ihre Muttersprache ist, und für die meisten sind die Klausuren schwer genug. Aber sie genoss die Seminare und war froh, sich mit Autoren wie Arthur Schnitzler und Robert Musil beschäftigen zu können.
Es tut ihr sehr Leid, dass sie im Juli nach Deutschland zurückkehren muss, denn sie würde gern noch für ein Semester hier bleiben, aber sie will auch ihr Studium beenden und anfangen zu arbeiten. Dazu wünschen wir ihr viel Glück und viel Erfolg.
|
|