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Zeitung << 1/2011 << Schiedsrichter und Wissenschaftler im Ring


Schiedsrichter und Wissenschaftler im Ring
Ein Gespräch mit Viktor Kassai und András Vizkelety im Goethe-Institut in Budapest

Autorin: Eszter Tápai

Wer ist für Sie der oder die bedeutendste Deutsche? Was ist das bedeutendste historische Ereignis, das Sie mit Deutschland verbinden? Was gefällt Ihnen am besten/überhaupt nicht an Deutschland? Das sind nur einige von den zehn Fragen, die in 22 Ländern mehr als 13000 Menschen gestellt wurden. Mit Hilfe dieser Umfrage, die bis zum 15. Januar 2010 durchgeführt wurde, wollte man erfahren, welche Errungenschaften und Eigenschaften den Deutschen zugeschrieben werden.

Viktor Kassai, ungarischer internationaler FIFA-Schiedsrichter, war der Schirmherr des ungarischen Teils dieses Projekts. Am 10. Februar 2011 hat eine Veranstaltung in Budapest im Goethe-Institut stattgefunden, in deren Rahmen die Leiterin des Goethe-Instituts, Gabriele Gauler, mit ihm und dem Hochschulprofessor András Vizkelety, die den Fragebogen ebenfalls ausgefüllt haben, über Deutschland-Klischees und über ihre eigenen Antworten ein Gespräch führte. Die Moderatorin hat die beiden Gäste abwechselnd befragt.
Viktor Kassai ist seit 2003 internationaler FIFA-Schiedsrichter. 2010 konnte er an der Weltmeisterschaft in Südafrika teilnehmen, bei der er vier Spiele gepfiffen hat. In Deutschland ist er wegen des Halbfinales bekannt geworden, als Deutschland gegen Spanien 0:1 verloren hat. Kassai leitete auch das Champions-League-Finale im Mai 2011. Deutsch war seine erste Fremdsprache, und da über die Bundesliga alles auf Deutsch geschrieben wurde, hat er sich schon damals Mühe gegeben, seine Sprachkenntnisse zu verbessern. Er erzählte, dass er einige Fragen gleich beantworten konnte, für andere aber mehr Zeit brauchte und ein bisschen nachgelesen hat.
András Vizkelety ist unter anderem Germanistikprofessor, Philosoph, Theologe, Forscher der deutschen mittelalterlichen Literatur und Mitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Er hat 1993 an der Pázmány Péter Universität in Piliscsaba das Institut für Germanistik gegründet und war auch der erste Institutsleiter. Als Professor Vizkelety über seine Beziehung zu Deutschland befragt wurde, sagte er: „Jeder, der Germanistik studiert, gerät in eine Wahlverwandtschaft mit Deutschland“. Der Professor hat auf die Fragen eher spontan geantwortet. Er hat nicht viel Zeit gehabt, weil er die Liste spät bekommen hatte.

Die Top-Antworten von Kassai und Vizkelety
Die bedeutendsten Bücher in deutscher Sprache sind für Viktor Kassai die Abenteuerromane von Karl May, weil damit viele Generationen aufgewachsen sind. Herr Vizkelety hat Die Akten des Vogelsangs von Wilhelm Raabe gewählt. „Das ist das Buch, das ich immer wieder gerne lese“, sagte er.
Herr Kassai hält Joseph Alois Ratzinger (Papst Benedikt XVI) für die bedeutendste deutsche Persönlichkeit und das wichtigste deutsche Bauwerk sei Schloss Neuschwanstein, weil es viele Touristen nach Deutschland lockt. Nach der Meinung von Professor Vizkelety ist der Dom in Ulm das Meisterwerk und der Höhenpunkt der gotischen Baukunst, also das relevanteste Bauwerk in Deutschland.
Es gab Fragen, wo europaweit viele Übereinstimmungen festgestellt werden konnten, aber bei anderen Fragen waren die Antworten sehr unterschiedlich. Viele – die beiden Gäste auch – haben angegeben, dass für sie der Buchdruck die wichtigste deutsche Erfindung ist. Gabriele Gauler hat bei ihren Gästen nachgefragt, warum sie selbst diese Antwort gegeben haben. „Wenn der Ball von den Deutschen erfunden worden wäre, hätte ich natürlich das gewählt“, meinte Herr Kassai und lockte damit ein Lächeln auf jedes Gesicht, aber da das nicht der Fall ist, wählte er den Buchdruck. Der Professor habe 28 Jahre lang in mehreren Bibliotheken gearbeitet und geforscht, die Antwort sei für ihn deshalb selbstverständlich gewesen.
Wir haben uns dann einen kleinen Ausschnitt aus der Ode an die Freude von Beethoven und ein Stück von Kraftwerk angehört, die von den beiden als das bedeutendste Musikstück bzw. die einflussreichsten Musiker oder die wichtigste Band gewählt wurden.
Die deutsche Küche gefällt Herrn Kassai nicht so richtig, weil die Speisen meistens nicht scharf sind. Außerdem meinte er, dass die deutsche Küche von vielen Ländern beeinflusst wurde und nicht so viele echte deutsche Spezialitäten existieren. Es gefällt ihm, dass es in Deutschland „auf der Autobahn keine Geschwindigkeitsbeschränkung gibt“. Außerdem hält er „das hochentwickelte Straßennetz und Verkehrssystem“ für vorbildlich in ganz Europa, und er mag die Ordnung und die Präzision, die das ganze Land charakterisieren. Die Antwort des Professors war ziemlich kompliziert. Ihm gefällt die „Neigung zur Theoriebildung“ nicht, d.h. dass die Deutschen die „Wahrheitserfahrungen“ sehr schnell mit einer Theorie versehen und verbinden möchten. Er hat diese Erscheinung damit erklärt, dass in der klassischen Bildung Philosophie eine zentrale Rolle spielt bzw. spielte. Was ihm an Deutschland gefällt, hat er ebenso aus der Geschichte abgeleitet. Das Land hat vor der Vereinigung aus vielen Kleinstaaten bestanden und das hatte den Vorteil, dass jeder Fürst sein Kulturzentrum errichten konnte; aus diesem Grund hat Deutschland auch heute mehrere kulturelle Zentren, im Gegensatz zu Ungarn, wo alles auf Budapest konzentriert ist.
Es gab auch ein Preisausschreiben. Einige der Teilnehmer der Umfrage wurden noch früher ausgelost. Nach dem Gespräch konnten die zwei ungarischen Gewinner ihre Preise im festlichen Rahmen entgegennehmen. Nach der Veranstaltung konnte ich mich mit Éva Jámbor unterhalten, die den dritten Platz erreicht hat. Sie hat dem GeMa erzählt, dass sie diesen Fragebogen auf Facebook gefunden, ausgefüllt und eingereicht habe. Sie sei sehr überrascht gewesen, als sie erfuhr, dass sie gewonnen hat. Ihr Preis war eine Kulturtasche und sie hat dem GeMa verraten, dass sie sowohl Sprachbücher, als auch belletristische Bücher und Filme enthält. Éva studiert und arbeitet als PhD-Studentin an der Universität Pécs an der Medizinischen Fakultät, wo sie regelmäßig Kontakt zu deutschen Studenten hat: „Die deutschen Studenten haben immer irreale Erwartungen. Sie denken zum Beispiel, dass ein Dozent keine Fehler machen kann“. Nach einem halben Jahr haben sie dann meistens doch schon gelernt, dass man geduldiger sein soll. Das bedeutendste deutsche Musikstück ist für sie die Carmina Burana von Carl Orff und für den relevantesten deutschen Film hält sie Der Himmel über Berlin (Regie: Wim Wenders). Sie hat ebenfalls das Schloss Neuschwanstein als das wichtigste deutsche Bauwerk angegeben. Sie war noch nie da, aber sie hofft, dass sie es einmal besichtigen kann. Die Präzision, Pünktlichkeit und die Sauberkeit sind diejenigen Eigenschaften, die sie an den Deutschen mag. Éva denkt, dass diese Klischees zum Teil stimmen, aber jede Nation ihre positiven und negativen Eigenschaften hat.

Ungarn-Liste
Die Moderatorin Gabriele Gauler hat am Ende der Veranstaltung ihre Gäste und das Publikum mit einer Ungarn-Liste überrascht, das heißt, sie hat auf die gleichen Fragen auf Ungarn bezogen geantwortet. Ihrer Meinung nach ist der bedeutendste Ungar Ferenc Liszt, die bedeutendsten Bücher sind die Tagebücher von Sándor Márai und „Die Schule an der Grenze“ von Géza Ottlik. Das bedeutendste ungarische Ereignis sei der ungarische Aufstand 1956 und das wichtigste ungarische Bauwerk die Kettenbrücke. Es gefällt ihr nicht, dass vieles oft in der letzten Minute passiert, aber sie mag die ungarische Offenheit und Herzlichkeit sehr.
Die Atmosphäre während des Abends war freundlich, und wir haben viel gelacht. Die Kommunikation fand auf Deutsch statt, aber es gab auch Simultanübersetzung. Beide Gäste waren sehr gesellig und nett.